VON DENEN, DIE KAMEN, GINGEN UND IN MIR BLIEBEN
Wir wussten damals nicht,
was zwischen uns geschah,
wenn eine von uns sprach.
Morgens, abends, nachts …
Wir wussten nur, dass eine Stimme am anderen Ende ankam,
dass sie einen Raum verlassen konnte, ohne eine Tür zu öffnen,
dass etwas, das eben noch Atem gewesen war, Lippen, Kehle, Wärme,
plötzlich aufhörte, Luft zu sein
und etwas anderes wurde.
Eine Zahl vielleicht?
Ein kurzer elektrischer Zustand,
in Stücke zerlegt?
Pakete aus Atem, durch die Nacht geschickt?
Von Frau zu Frau, von Geschichte zu Geschichte.
Über Dächer und Antennen, durch Kabel unter Straßen, Städten und Meeren,
ja, sogar Ozeanen,
durch Räume, von denen wir nichts wussten,
für einen Augenblick sogar Licht –
ach, euer Lachen, meine Freundinnen, wie Licht.
Ich denke manchmal daran,
wie viel von uns auf diese Weise unterwegs gewesen sein muss,
wie viel Tiefe, wie viele Stunden unserer Leben sich in unsichtbare Signale verwandelt haben,
nur damit wir einander erreichen konnten.
Wie viele Aaaahs.
Wie viele Oooohs.
All diese Jahre.
All diese Frauen.
Manche waren schon da, bevor ich wusste, dass Stimmen bleiben können,
Stimmen aus demselben Haus aus Lehm, durch dieselben Wände aus Lehm,
an einem runden Tisch, nicht mehr als zwanzig Zentimeter über dem Boden,
unter dem unsere Knie verschwanden und sich manchmal berührten.
Stimmen meiner ersten Welt.
Die meinen Namen kannten,
lange bevor ich wusste, was ich selbst eines Tages mit diesem Namen anfangen würde,
wer ich mit ihm werden, wohin ich diese Mimoza tragen würde.
Später:
Flure, Klassenzimmer, Pausenhöfe,
ein Satz im Vorübergehen, ein Blick, der ein wenig länger blieb, als er sollte,
ein Lachen am anderen Ende eines Ganges.
Übertragungen.
Manche brachten mich zum Zweifeln, manche zum Schweigen,
zum Weinen, zur Wut,
manche ließen mich kleiner werden, als ich war,
während andere etwas in mir sahen,
das ich selbst noch nicht sehen konnte.
Vielleicht lernt man die eigene Stimme
auch an den Stimmen der anderen:
an denen, die einen rufen,
an denen, die einen halten,
und an denen, gegen die man sie eines Tages erheben muss.
All die Frauen, die einmal Teil meines Lebens waren,
über Jahre, für einen Sommer, vielleicht nur für eine Schulstunde,
für eine Nacht am Telefon oder für jene langen Jahre,
in denen man glaubt, ein Mensch werde immer zum eigenen Leben gehören.
Manche waren so nah, dass ich mir ein Leben ohne sie kaum vorstellen konnte,
andere verstand ich vielleicht erst, nachdem sie gegangen waren.
Und manche blieben nur Stimme
und wurden nie Gesicht.
Stimmen, die dennoch meine Wohnung betraten,
ohne je durch die Tür zu kommen.
Und doch gab es auch die wirklichen Räume,
Tische, Straßen, gemeinsam verbrachte Nachmittage,
Gesichter, die nicht nur auf Bildschirmen existierten,
Frauen, die neben mir saßen, mit mir gingen, mich kannten,
bevor eines Tages Entfernung zwischen uns trat.
Später wieder diese kleinen Fenster auf dem Bildschirm:
ein Bett, eine Küche, ein Zugabteil, ein Balkon,
irgendwo eine Lampe, eine Wange im Licht,
ein Gesicht, das sich der Kamera näherte,
als ließe sich die Entfernung für einen Moment überlisten.
Und manchmal dieses seltsame Glück,
wenn wir gleichzeitig lächelten, jede vor ihrer eigenen Kamera,
in ihrem eigenen Zimmer, in ihrer eigenen Stadt,
und es für einen Augenblick so aussah,
als hätten wir denselben Raum betreten.
Als hätte selbst die Entfernung vergessen,
wohin sie uns gestellt hatte.
Einige von euch
habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.
Nicht gehört.
So viel Sehnsucht.
Und doch sehe ich euch manchmal noch auf alten Bildern oder in einem Video,
sehe, wie wir gleichzeitig lächeln,
mit welcher Selbstverständlichkeit unsere Gesichter damals nebeneinander erschienen,
als hätten wir nicht gewusst,
dass auch Nähe eine Zeitform hat.
An der Spree entlang, an der Dahme,
an der Elbe, am Rhein.
„Kann ich sonst irgendwie helfen?“
Ein heller Satz
in einer dunklen Zeit.
An der Luna, am Drin, am Shkumbin, am Lumbardh,
wo irgendwann die Grenze zwischen Nacht und Tag zerfließt
und man nicht mehr weiß, ob etwas gerade erst beginnt
oder schon dabei ist, zu verschwinden.
Im Central Park, im Viktoriapark,
auf den Champs-Élysées.
Tausende Umarmungen.
Und später der Körper selbst,
der plötzlich begann, seine eigene Sprache zu sprechen.
Nächte voller Hitze, tausend kleine Flammen,
die kamen, ohne zu fragen,
über Brust, Hals, Gesicht,
mitten im Schlaf, mitten im Satz, mitten im Leben,
als müsste auch der Körper etwas verbrennen,
um weitergehen zu können.
Als hätte er seine eigene Art, die Jahre zu zählen,
nicht in Tagen und Monaten,
sondern in Schlaflosigkeit, Schweiß, Haut, Feuer.
Auch das vielleicht eine Art Übertragung,
von einer Zeit des Körpers in eine andere.
Verwandlung.
Vielleicht wäre es leicht, all diese Bilder zu löschen.
Ein Finger auf dem Bildschirm.
Ein leerer Ordner.
Ja, aber …
Was würde das ändern?
Ich könnte ein Foto löschen, einen Chat, eine Aufnahme,
könnte Namen aus einer Liste verschwinden lassen und ganze Jahre
in einen digitalen Papierkorb verschieben –
aber für eine Stimme gibt es keinen Papierkorb.
Für deine Stimme.
Für eure Stimmen.
Für etwas, das einmal in mir angekommen ist.
Es gibt keinen endgültigen Löschvorgang für einen Menschen,
der einmal zu deinem Leben gehörte, zu meinem Leben,
sei es für einen Nachmittag, für ein vertrautes Lachen,
für einen Satz, der längst vergessen scheint
und sich dennoch irgendwo im Körper erhalten hat.
Es bleiben Spuren, Kopien, Fragmente,
ein Rest im Gedächtnis.
Und wir erst.
Vielleicht besteht Erinnerung aus etwas Ähnlichem:
nicht aus den Menschen selbst,
denn manche sind gegangen und manche nur weit weg,
und manche leben längst ein Leben, das mit meinem nichts mehr zu tun hat,
sondern aus ihren Übertragungen.
Aus dem, was von ihnen in mir angekommen ist.
Aus Restwärme.
Aus Licht, dessen Quelle längst verschwunden ist.
Aus Sätzen, deren Absender nicht mehr erreichbar sind.
Ich könnte euch nicht zurückrufen
in die Jahre, aus denen ihr kamt.
Ich könnte nicht wiederherstellen, was zwischen manchen von uns verloren ging,
kann nicht genau sagen, wann das tägliche Schreiben seltener wurde,
wann aus langen Gesprächen kurze Nachrichten wurden,
wann von den Nachrichten nur noch ein Herz unter einem Bild blieb
und wann schließlich auch dieses verstummte.
Vielleicht geschah es langsam.
Vielleicht war die Ehe schuld,
die Kinder,
vielleicht Corona,
und später die Stimmen, die Alice folgten.
Vielleicht standen plötzlich Worte zwischen uns,
wo vorher Nähe gewesen war,
und vielleicht begriffen wir erst viel später,
dass längst kein Signal mehr zwischen uns unterwegs war.
Aber manchmal höre ich in meiner eigenen Stimme
noch etwas von euch:
die Art, einen Satz nicht zu Ende zu bringen,
ein bestimmtes Lachen, ein Wort, eine Bewegung im Sprechen,
oder eine Art von Mut, die vielleicht einmal eine von euch
in mir gesehen hat, bevor ich selbst wusste, dass ich ihn hatte.
Als hätten eure Stimmen auf ihrem Weg zu mir
etwas zurückgelassen.
Als hätte jede Begegnung, jede Freundschaft,
jede Frau, die einmal meinen Weg kreuzte,
nah oder flüchtig, willkommen oder nicht,
etwas in mir verschoben,
eine kleine Veränderung hinterlassen,
die sich nicht mehr rückgängig machen lässt.
Vielleicht war Übertragung
nie nur Übertragung.
Vielleicht bedeutet, einen Menschen zu kennen, auch,
etwas von ihm zu empfangen, etwas in sich aufzunehmen und weiterzutragen,
lange nachdem die Verbindung abgebrochen ist.
Und dafür bin ich dankbar,
o meine geliebten Freundinnen,
für die, die geblieben sind,
und auch für die, die nicht geblieben sind.
Für die Frauen, deren Stimmen mich getragen haben,
für jene, denen gegenüber ich meine eigene Stimme erst finden musste,
für die, die mich zum Lachen brachten,
zum Zweifeln, zum Weinen, zur Wut,
für die, die mir ähnlich waren,
und für jene, an denen ich erkannte, dass ich es nicht war.
Dafür, dass ihr da wart.
Dass wir uns begegnet sind,
dass unsere Stimmen einander gefunden haben,
über einen Tisch hinweg, über einen Flur, über ganze Länder hinweg,
manchmal als Atem im selben Raum
und manchmal in Daten zerlegt,
durch Dunkelheit und Kabel geschickt.
Dass unsere Körper kilometerweit voneinander entfernt sein konnten
und wir einander dennoch erreichten.
Auch wenn wir damals nicht wussten, uns nicht einmal vorstellen konnten,
wie lange wir ineinander bleiben würden.
